Inhalt
Vorwort der HerausgeberInnen
Heidi Neumann-Wirsig, Heinz J. Kersting
Konstruktivismus und Ethik
Annahmen über ethische Haltung und ihre Wirkung im Supervisionsprozess
Andreas Ritter
Konstruktivistisch-systemische Supervision und Beziehung
Ermunterung zu einem neuen Forschungsprogramm
Heinz J. Kersting
Phantastischen Realitäten auf der Spur
Christine Spreyermann
Systemisches Coaching als Methode des Empowerment in der Sozialpädagogik
Hannes Brandau
Übergänge gestalten –
die Chance von Ritualen als systemische Intervention
Petra Böhl-Scheuermann
Supervision und Coaching an der Hochschule
Michael Pohl
Supervision und Führungshandeln
Andreas Auert
Möglichkeiten erweitern.
Interkulturalität und interprofessionelle Arbeit
Heinz J. Kersting
Imagekampagne 2000 des Volksverein Mönchengladbach
Hermann-Josef Kronen
Appreciative Inquiry
Ruth Seliger
Vorwort:
Mit dem vorliegenden Buch bieten wir wie nach jeden systemischen Supervisionstagen
eine Zusammenstellung der überarbeiteten Vorträge der dieser
Supervisionstage an, die im Jahre 2000 in Freiburg stattgefunden haben.
Dazu haben wir einige weitere Artikel hinzugefügt, die unsere Meinung
nach einen guten Einblicke in die Praxis systemisch-konstruktivistischer
Beratung geben können.
Wertfreiheit ist nicht gegeben! Zu diesem Ergebnis kommt Andreas
Ritter in seinem Beitrag ”Annahmen über ethische Haltung und
ihre Wirkung im Supervisionsprozess”.
Wir haben den Beitrag von Andreas Ritter bewusst an den Anfang dieses
Buches gestellt, um deutlich zu machen, wie wichtig uns als Konstruktivisten
die Diskussion und Entwicklung von Haltung und Verantwortung in der Supervision
sind.
Andreas Ritter beschreibt in eindrücklicher Weise seine persönliche
Auseinandersetzung mit dem Themenquadrat Ethik – Konstruktivismus – Systemtheorie
– Supervision. Er gibt einerseits eine gelungene Zusammenschau der einzelnen
Theorien und zeigt, wie er sie als Puzzleteile zu seinem systemisch-konstruktivistisch-supervisorischen
Denk- und Handlungskonzept zusammenfügt. Indem er jeweils die Theorieteile
auf sich selbst bezieht und reflektiert, umschreibt er sein Verständnis
von konstruktivistischer Ethik und verdeutlicht die Einheit von Beobachter
und Beobachtungsgegenstand. Hierbei sind ihm die Reflexion der eigenen
Annahmen die wichtigsten und entscheidenden Orientierungspunkte. Der Autor
reflektiert mutig und fortwährende die eigenen Prämissen. So
dürfen wir Andreas Ritter sozusagen beim Konstruieren seiner (supervisorischen)
Ethik zusehen und teilnehmen an seinem ethisch begründeten Handeln
im Supervisionsprozess. Er stellt die Verantwortung des Supervisors
an drei Komponenten des Supervisionsgeschehens heraus: Struktur, Zuwendung
und Anregung. Anhand praktischer Beispiel belegt er die Anwendung seiner
Erkenntnis und kommt für sich zu dem Schluss: Es gibt Wichtigeres
als die Erkenntnis – die Anwendung der Erkenntnis.
Heinz Kersting irritierte und bewegte uns bereits in Freiburg
mit seiner Kritik, dass systemisch-konstruktivistische Supervisionstheorien
die affektive Seite der Supervision in der Regel ausblenden. Die
vorgelegten Gedanken fanden Anschluss in der Plenumdiskussion und den Pausengesprächen.
Offensichtlich hatte er einen bedeutsamen Aspekt öffentlich gemacht.
In seinem Beitrag ermuntert er uns nun zu einem neuen Forschungsprogramm,
das sich mit den affektiven Beziehungen in der Beratung beschäftigt.
Das Sowohl-Als-Auch, eine Prämisse systemischer Beratung, benutzt
Heinz Kersting, um zum System auch die Beobachtung der Affekte, wieder
einzublenden. Die Fragen, die er vorschlägt, erweisen sich als ein
wichtiges Hilfsinstrument. Heinz Kersting vermutet, dass uns die Beschäftigung
mit den Affekten in der Supervision leicht an die provokative Supervision
heranführt, die sich auf die Arbeit von Frank Farrelly bezieht.
Eine Liste mit Faktoren, die für die Forschung von SupervisorInnen-Beziehungen
hilfreich sein können, runden seinen Beitrag ab.
Christine Spreyermann ist als Supervisorin und Evaluationsberaterin
”Phantastischen Realitäten auf der Spur”. Lässt sich in
einem Supervisionsprozess überhaupt etwas messen und erheben? Diese
Frage beantwortet Christine Spreyermann in ihrem Beitrag mit einem klaren
Ja, und stellt einfach und eindrücklich dar, wie das geschehen kann.
Jede SupervisorIn und BeraterIn ist mit Hilfe von sehr pragmatischen Vorgehensweisen,
die sogar ein Standardformular einschließen, in der Lage, sich auf
den Weg zum eigenen Qualitätsmanagement zu begeben. So kommt
es, dass kleine Vorhaben auf der Ebene von Praxisveränderung viel
bewirken. An einigen Beispielen zeigt Christine Spreyermann wie Selbst-Evaluation
Burn out entgegenwirkt und Empowerment ermöglicht.
Auch im nächsten Beitrag geht es um Selbstermächtigung. Empowerment
will die Macht etwas gerechter verteilen und die Menschen ermutigen,
die eigenen Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen. Hannes Brandau
verbindet in seinem Beitrag systemisches Paradigma mit der Empowerment-Perspektive
zu einem Konzept von Coaching. Auszüge aus einem Gesprächsprotokoll
lassen die Leserin und den Leser einen spannenden Coachingprozess mit einem
16-jährigen Jugendlichen mit ADHS mitverfolgen.
Wie ist kreativ Paradoxie aufzulösen, um in Übergängen
mehr Geschwindigkeit in unser Leben zu bringen und gleichzeitig die Erwartung
zu steigern, diese Übergänge als Zeiten zwischen den Zeiten schneller
zu überwinden? Wirken Rituale als Geschwindigkeitsbeschleuniger
oder liegt gerade in der Verlangsamung des schrittweisen Vorgehens die
Kraft des Rituals? Als formalisierte Antworten und vorgeschriebene Handlungsabfolgen
sind Rituale in der Lage, die Lücke zwischen den hohen Anforderungen
und den gleichzeitig reduzierten Fähigkeiten von Einzelnen, Teams
und Organisationen zu schließen. Petra Böhl-Scheuermann beschreibt
die dreiphasige Struktur von Ritualen und unterscheidet ritualähnliche
Alltagshandlungen von echten Ritualen. Sie zeigt an einem ganz konkreten
Beratungsverlauf die Anwendungsmöglichkeiten und die Wirkungen eines
umfassenden Rituals in einem Organisationsentwicklungs-Prozess. Sie regt
BeraterInnen an, Rituale bewusst in ihr Repertoire zu integrieren.
Hochschulunterricht und Supervision - ein ungleiches Paar? Michael
Pohl stellt ein Hochschulprojekt vor, das sich Supervision leistet
und in dem es gelingt, dieses ungleiche Paar eine Erfolgsstory erleben
zu lassen. Anschaulich beschreibt er die einzelnen Prozessabschnitte mit
den Handlungsschritten und entsprechenden Interventionen. Wir können
beobachten, wie ein Lehr-Lern-System konstituiert wird und welche Entwicklungsphasen
sich entsprechend der Beobachtungskriterien: Forming – Storming – Norming
– Performing tatsächlich einstellen. Abschließend nennt Michael
Pohl wichtige Erfolgskriterien für kreative Praxis-Lern-Projekte.
Durch die Beschreibung einer strukturellen Betrachtung stellt Andreas
Auert dar, dass sowohl Supervision als auch Führungshandeln
ein situatives und kontextgebundenes Handeln implizieren und somit als
hoch viables Paar verstanden werden können. Seine zentrale Frage lautet,
welchen Beitrag systemisch-konstruktivistische Supervision zur Entwicklung
von Führungskräften leisten kann. Bei der Diskussion dieser Frage
macht er plausibel, welche Gemeinsamkeiten Supervision und Führung
besitzen und wie sie sich daran ausrichten, die Anzahl der Handlungsmöglichkeiten
zu erhöhen. Kann man behaupten: Supervision ist Führung – Führung
ist Supervision!? Ein ungewöhnlicher Beitrag mit einem Schuss Provokation
– oder doch nicht?
Heinz Kersting beschreibt in seinem zweiten Beitrag in diesem
Buch anhand eines TEMPUS-Projektes Voraussetzungen und Merkmale für
ein interkulturelles Team auf dem Weg zur lernenden Organisation. Interkulturalität
verwendet er als Metapher für das Qualifizieren interprofessioneller
Zusammenarbeit. Er spannt den Bogen von der Bedeutung der Sprache über
die Wirkung von Kultur, das Zusammentreffen verschiedener Berufskulturen
bis zu dem Gewinn interkultureller Kooperation für das Lernen von
interprofessionellen Teams und deren Mitglieder. Ein spannendes Beispiel
der Erweiterung der Möglichkeiten und erfolgreicher Zusammenarbeit.
Hermann-Josef Kronen beschäftig sich in seinem Beitrag damit,
wie der ”Volksverein Mönchengladbach” in der Bevölkerung wahrgenommen
wird und wie man diese Wahrnehmung verändern kann. Beachtenswert ist
u.a., dass es gelingt einen Bezug zwischen systemisch-konstruktivistischem
Denken und einer Imagekampagne im Jahr 2000 herzustellen.
Gezeigt wird, wie ein traditionsreicher Verein ein professionelles Konzept
für eine Imagekampagne entwickelt und umsetzt. Die konzeptionellen
Teile werden genau beschrieben: von der Ideenentwicklung bis zum Einsatz
der sogenannten Testimonial-Geber als professionelle Ehrenamtliche. Dass
schlussendlich das ursprüngliche Ziel, ein höheres Spendenaufkommen
zu erreichen, nicht im erwartetem Umfang gelang, ist weniger bedeutungsvoll
als das Beispiel an sich, ein Beispiel, das auch andere NPOs dazu
anregen könnte, auf ähnlichen Wegen ihr Image zu verbessern.
Appreciative Inquiry (AI) kommt aus Amerika und bereichert nicht
nur die Beratersprache, sondern auch das Beraterhandwerk. Ruth Seliger
stellt in gut verständlicher Art und Weise diese Neuheit in ihrem
Beitrag vor. Man könnte sagen, es ist die Anwendung lösungs-
und ressourcen-orientierter Vorgehensweisen sowie narrativer Ansätze
auf die Arbeit mit Organisationen. AI ist im besten Sinne angewandter Konstruktivismus:
Die Geschichten der Vergangenheit werden neu geschrieben und die gemeinsame
Zukunft konstruiert um Lernen der Organisation zu ermöglichen.
Heidi Neumann-Wirsig
Heinz J. Kersting
Mannheim, Aachen 20. März 2002