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buch-info



Heidi Neumann-Wirsig, Heinz J. Kersting (Hg.)

In Arbeit
Systemische Supervision und Beratung

ISBN: 3-928047-39-6, 248 Seiten, 16,- €
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Inhalt

Vorwort der HerausgeberInnen
Heidi Neumann-Wirsig, Heinz J. Kersting

Konstruktivismus und Ethik
Annahmen über ethische Haltung und ihre Wirkung im Supervisionsprozess
Andreas Ritter

Konstruktivistisch-systemische Supervision und Beziehung
Ermunterung zu einem neuen Forschungsprogramm
Heinz J. Kersting

Phantastischen Realitäten auf der Spur
Christine Spreyermann

Systemisches Coaching als Methode des Empowerment in der Sozialpädagogik
Hannes Brandau

Übergänge gestalten –
die Chance von Ritualen als systemische Intervention
Petra Böhl-Scheuermann

Supervision und Coaching an der Hochschule
Michael Pohl

Supervision und Führungshandeln
Andreas Auert

Möglichkeiten erweitern.
Interkulturalität und interprofessionelle Arbeit
Heinz J. Kersting

Imagekampagne 2000 des Volksverein Mönchengladbach
Hermann-Josef Kronen

Appreciative Inquiry
Ruth Seliger
 
 

Vorwort:

Mit dem vorliegenden Buch bieten wir wie nach jeden systemischen Supervisionstagen eine Zusammenstellung der überarbeiteten Vorträge der dieser Supervisionstage an, die im Jahre 2000 in Freiburg stattgefunden haben. Dazu haben wir einige weitere Artikel hinzugefügt, die unsere Meinung nach einen guten Einblicke in die Praxis systemisch-konstruktivistischer Beratung geben können.

Wertfreiheit ist nicht gegeben! Zu diesem Ergebnis kommt Andreas Ritter in seinem Beitrag ”Annahmen über ethische Haltung und ihre Wirkung im Supervisionsprozess”.

Wir haben den Beitrag von Andreas Ritter bewusst an den Anfang dieses Buches gestellt, um deutlich zu machen, wie wichtig uns als Konstruktivisten die Diskussion und Entwicklung von Haltung und Verantwortung in der Supervision sind.

Andreas Ritter beschreibt in eindrücklicher Weise seine persönliche Auseinandersetzung mit dem Themenquadrat Ethik – Konstruktivismus – Systemtheorie – Supervision. Er gibt einerseits eine gelungene Zusammenschau der einzelnen Theorien und zeigt, wie er sie als Puzzleteile zu seinem systemisch-konstruktivistisch-supervisorischen Denk- und Handlungskonzept zusammenfügt. Indem er jeweils die Theorieteile auf sich selbst bezieht und reflektiert, umschreibt er sein Verständnis von konstruktivistischer Ethik und verdeutlicht die Einheit von Beobachter und Beobachtungsgegenstand. Hierbei sind ihm die Reflexion der eigenen Annahmen die wichtigsten und entscheidenden Orientierungspunkte. Der Autor reflektiert mutig und fortwährende die eigenen Prämissen. So dürfen wir Andreas Ritter sozusagen beim Konstruieren seiner (supervisorischen) Ethik zusehen und teilnehmen an seinem ethisch begründeten Handeln im Supervisionsprozess. Er stellt die Verantwortung des Supervisors an drei Komponenten des Supervisionsgeschehens heraus: Struktur, Zuwendung und Anregung. Anhand praktischer Beispiel belegt er die Anwendung seiner Erkenntnis und kommt für sich zu dem Schluss: Es gibt Wichtigeres als die Erkenntnis – die Anwendung der Erkenntnis.

Heinz Kersting irritierte und bewegte uns bereits in Freiburg mit seiner Kritik, dass systemisch-konstruktivistische Supervisionstheorien die affektive Seite der Supervision in der Regel ausblenden. Die vorgelegten Gedanken fanden Anschluss in der Plenumdiskussion und den Pausengesprächen. Offensichtlich hatte er einen bedeutsamen Aspekt öffentlich gemacht. In seinem Beitrag ermuntert er uns nun zu einem neuen Forschungsprogramm, das sich mit den affektiven Beziehungen in der Beratung beschäftigt. Das Sowohl-Als-Auch, eine Prämisse systemischer Beratung, benutzt Heinz Kersting, um zum System auch die Beobachtung der Affekte, wieder einzublenden. Die Fragen, die er vorschlägt, erweisen sich als ein wichtiges Hilfsinstrument. Heinz Kersting vermutet, dass uns die Beschäftigung mit den Affekten in der Supervision leicht an die provokative Supervision heranführt, die sich auf die Arbeit von Frank Farrelly bezieht. Eine Liste mit Faktoren, die für die Forschung von SupervisorInnen-Beziehungen hilfreich sein können, runden seinen Beitrag ab.

Christine Spreyermann ist als Supervisorin und Evaluationsberaterin ”Phantastischen Realitäten auf der Spur”. Lässt sich in einem Supervisionsprozess überhaupt etwas messen und erheben? Diese Frage beantwortet Christine Spreyermann in ihrem Beitrag mit einem klaren Ja, und stellt einfach und eindrücklich dar, wie das geschehen kann. Jede SupervisorIn und BeraterIn ist mit Hilfe von sehr pragmatischen Vorgehensweisen, die sogar ein Standardformular einschließen, in der Lage, sich auf den Weg zum eigenen Qualitätsmanagement zu begeben. So kommt es, dass kleine Vorhaben auf der Ebene von Praxisveränderung viel bewirken. An einigen Beispielen zeigt Christine Spreyermann wie Selbst-Evaluation Burn out entgegenwirkt und Empowerment ermöglicht.

Auch im nächsten Beitrag geht es um Selbstermächtigung. Empowerment will die Macht etwas gerechter verteilen und die Menschen ermutigen, die eigenen Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen. Hannes Brandau verbindet in seinem Beitrag systemisches Paradigma mit der Empowerment-Perspektive zu einem Konzept von Coaching. Auszüge aus einem Gesprächsprotokoll lassen die Leserin und den Leser einen spannenden Coachingprozess mit einem 16-jährigen Jugendlichen mit ADHS mitverfolgen.

Wie ist kreativ Paradoxie aufzulösen, um in Übergängen mehr Geschwindigkeit in unser Leben zu bringen und gleichzeitig die Erwartung zu steigern, diese Übergänge als Zeiten zwischen den Zeiten schneller zu überwinden? Wirken Rituale als Geschwindigkeitsbeschleuniger oder liegt gerade in der Verlangsamung des schrittweisen Vorgehens die Kraft des Rituals? Als formalisierte Antworten und vorgeschriebene Handlungsabfolgen sind Rituale in der Lage, die Lücke zwischen den hohen Anforderungen und den gleichzeitig reduzierten Fähigkeiten von Einzelnen, Teams und Organisationen zu schließen. Petra Böhl-Scheuermann beschreibt die dreiphasige Struktur von Ritualen und unterscheidet ritualähnliche Alltagshandlungen von echten Ritualen. Sie zeigt an einem ganz konkreten Beratungsverlauf die Anwendungsmöglichkeiten und die Wirkungen eines umfassenden Rituals in einem Organisationsentwicklungs-Prozess. Sie regt BeraterInnen an, Rituale bewusst in ihr Repertoire zu integrieren.

Hochschulunterricht und Supervision - ein ungleiches Paar? Michael Pohl stellt ein Hochschulprojekt vor, das sich Supervision leistet und in dem es gelingt, dieses ungleiche Paar eine Erfolgsstory erleben zu lassen. Anschaulich beschreibt er die einzelnen Prozessabschnitte mit den Handlungsschritten und entsprechenden Interventionen. Wir können beobachten, wie ein Lehr-Lern-System konstituiert wird und welche Entwicklungsphasen sich entsprechend der Beobachtungskriterien: Forming – Storming – Norming – Performing tatsächlich einstellen. Abschließend nennt Michael Pohl wichtige Erfolgskriterien für kreative Praxis-Lern-Projekte.

Durch die Beschreibung einer strukturellen Betrachtung stellt Andreas Auert dar, dass sowohl Supervision als auch Führungshandeln ein situatives und kontextgebundenes Handeln implizieren und somit als hoch viables Paar verstanden werden können. Seine zentrale Frage lautet, welchen Beitrag systemisch-konstruktivistische Supervision zur Entwicklung von Führungskräften leisten kann. Bei der Diskussion dieser Frage macht er plausibel, welche Gemeinsamkeiten Supervision und Führung besitzen und wie sie sich daran ausrichten, die Anzahl der Handlungsmöglichkeiten zu erhöhen. Kann man behaupten: Supervision ist Führung – Führung ist Supervision!? Ein ungewöhnlicher Beitrag mit einem Schuss Provokation – oder doch nicht?

Heinz Kersting beschreibt in seinem zweiten Beitrag in diesem Buch anhand eines TEMPUS-Projektes Voraussetzungen und Merkmale für ein interkulturelles Team auf dem Weg zur lernenden Organisation. Interkulturalität verwendet er als Metapher für das Qualifizieren interprofessioneller Zusammenarbeit. Er spannt den Bogen von der Bedeutung der Sprache über die Wirkung von Kultur, das Zusammentreffen verschiedener Berufskulturen bis zu dem Gewinn interkultureller Kooperation für das Lernen von interprofessionellen Teams und deren Mitglieder. Ein spannendes Beispiel der Erweiterung der Möglichkeiten und erfolgreicher Zusammenarbeit.

Hermann-Josef Kronen beschäftig sich in seinem Beitrag damit, wie der ”Volksverein Mönchengladbach” in der Bevölkerung wahrgenommen wird und wie man diese Wahrnehmung verändern kann. Beachtenswert ist u.a., dass es gelingt einen Bezug zwischen systemisch-konstruktivistischem Denken und einer Imagekampagne im Jahr 2000 herzustellen.

Gezeigt wird, wie ein traditionsreicher Verein ein professionelles Konzept für eine Imagekampagne entwickelt und umsetzt. Die konzeptionellen Teile werden genau beschrieben: von der Ideenentwicklung bis zum Einsatz der sogenannten Testimonial-Geber als professionelle Ehrenamtliche. Dass schlussendlich das ursprüngliche Ziel, ein höheres Spendenaufkommen zu erreichen, nicht im erwartetem Umfang gelang, ist weniger bedeutungsvoll als das Beispiel an sich, ein Beispiel, das auch andere NPOs  dazu anregen könnte, auf ähnlichen Wegen ihr Image zu verbessern.

Appreciative Inquiry (AI) kommt aus Amerika und bereichert nicht nur die Beratersprache, sondern auch das Beraterhandwerk. Ruth Seliger stellt in gut verständlicher Art und Weise diese Neuheit in ihrem Beitrag vor. Man könnte sagen, es ist die Anwendung lösungs- und ressourcen-orientierter Vorgehensweisen sowie narrativer Ansätze auf die Arbeit mit Organisationen. AI ist im besten Sinne angewandter Konstruktivismus: Die Geschichten der Vergangenheit werden neu geschrieben und die gemeinsame Zukunft konstruiert um Lernen der Organisation zu ermöglichen.

Heidi Neumann-Wirsig
Heinz J. Kersting
Mannheim, Aachen 20. März 2002